Neuraltherapie

Neurophysiologie

Aufgrund der Resultate aus verschiedenen Studien mit Anwendung von Lokalanästhetika an bestimmten Strukturen des Nervensystems postulier(t)en wir ein Modell für positive Rückkoppelungen (analog der mathematischen Chaostheorie) bei Schmerzen und neurogenen Entzündungen unter Einbezug des Sympathikus.

2016 haben wir eine vielbeachtete Grundlagenarbeit über das Ganglion stellatum publiziert:
Puente de la Vega K, Gomez M, Roqueta C, Fischer L. Effects on hemodynamic variables and echocardiographic parameters after a stellate ganglion block in 15 healthy volunteers. Auton Neurosci 2016;197:46-55. Open access: http://www.autonomicneuroscience.com/article/S1566-0702(16)30035-2/fulltext
Anerkannt als Dissertation an der Universität Bern 2017.
Kommentar: Das sympathische Nervensystem spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Schmerzen und Entzündungen. Dabei sind mehrere Pathomechanismen involviert, die sich mittels Injektion von Lokalanästhetika (Neuraltherapie), z.B. ein Ganglion-stellatum-Block (SGB), günstig beeinflussen lassen. Aus zu grossem Respekt vor kardiovaskulären Komplikationen wird unseres Erachtens der SGB zu selten durchgeführt. Ziel der Studie war es, die Auswirkungen des SGB auf verschiedene kardiovaskuläre Parameter zu untersuchen. Es wurde gezeigt, dass der SGB zu keinen klinisch relevanten kardiovaskulären Veränderungen führt. Der SGB ist somit eine sichere Injektion und sollte vermehrt angewendet werden.

 

Klinische Forschung

Lopes C, Fischer L. Stellate ganglion block in patients with trigeminal neuralgia – 2 case reports and a pathophysiologic discussion.
Anerkannt als Masterarbeit an der Universität Bern 2017, in Publikation
Kommentar: Es werden zwei Patienten mit einer schweren progredienten Trigeminusneuralgie beschrieben die auf diverse medikamentöse Therapien ungenügend ansprach. Bei beiden Patienten führte die wiederholte Ganglion-stellatum-Blockade mittels Injektion von Procain 1% zu einer praktisch vollständigen Beschwerdefreiheit. Beide Patienten konnten die medikamentöse Therapie vollständig absetzen. Mögliche Erklärungen für den Erfolg der Behandlung ergeben sich aus der Durchbrechung von sympathisch unterhaltenen positiven Rückkoppelungen durch die Ganglion-stellatum-Blockade.

Kronenberg R, Ludin SM, Fischer L. Severe case of chronic pelvic pain syndrome: recovery after injection of procaine into the plexus vesicoprostaticus — case report and discussion of pathophysiology and mechanisms of action. Eingereicht zur Publikation.
Anerkannt als Dissertation an der Universität Bern 2016.
Kommentar: Es wird ein Patient mit einer jahrzehntelangen Leidensgeschichte einer schweren chronischen (abakteriellen) Prostatitis («Chronic pelvic pain syndrome») beschrieben, dem verschiedene Behandlungsversuche – darunter mehrere empirische Antibiotikatherapien, eine Nervenstimulationstherapie, operative Eingriffe sowie Kombinationen von starken Analgetika/analgetisch wirksamen Substanzen – keine Linderung gebracht hatten. Bereits nach der ersten Behandlung mittels suprapubischer Injektion von Procain 1% mit Umflutung des Plexus vesicoprostaticus erfuhr der Patient eine deutliche und anhaltende Verminderung der Schmerzen und sonstigen Symptome. Die Behandlung wurde 6-mal wiederholt, bis der Patient sämtliche Schmerzmittel abgesetzt hatte und dauerhaft beschwerdefrei war. Pathophysiologische Vorgänge und mögliche Wirkmechanismen werden diskutiert.

Fischer L, Ludin SM, Puente de la Vega K, Sturzenegger M. Neuralgia of the glossopharyngeal nerve in a patient with posttonsillectomy scarring: recovery after local infiltration of procaine—case report and pathophysiologic discussion. Case Rep Neurol Med 2015;2015:560546. Open access: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4415660/
Kommentar: Es wird ein Patient mit einer schweren, seit drei Jahren progredienten linksseitigen Glossopharyngeusneuralgie beschrieben, die auf diverse medikamentöse Therapien ungenügend ansprach. Ausser einer grossen, hypertrophen Tonsillektomienarbe links waren sämtliche klinischen und radiologischen Untersuchungen unauffällig. Im Sinne einer therapeutischen Lokalanästhesie (Neuraltherapie) wurde die hypertrophe Tonsillektomienarbe vollständig mit dem Lokalanästhetikum Procain 1% infiltriert. Ab diesem Zeitpunkt war der Patient fast vollkommen schmerzfrei. Nach einer weiteren Injektion verschwanden sämtliche Symptome vollständig und der Patienten blieb beschwerdefrei. Mögliche Erklärungen für den Erfolg der Behandlung ergeben sich aus der Durchbrechung von positiven Rückkoppelungen bei neurogener Entzündung und der Aufhebung von sympathisch unterhaltenem Schmerz mittels Lokalanästhetika.

Egli S, Pfister M, Ludin SM, Puente de la Vega K, Busato A, Fischer L. Long-term results of therapeutic local anesthesia (neural therapy) in 280 referred refractory chronic pain patients. BMC Complement Altern Med. 2015 Jun 27;15:200. Open access: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4483221/
Anerkannt als Dissertation an der Universität Bern 2010.
Kommentar: Alle in einem definierten Zeitraum von Ärzten schriftlich zur Neuraltherapie zugewiesenen Patienten mit chronischen Schmerzen und Therapieresistenz auf alle konventionellen Massnahmen wurden ausgewertet. Mit durchschnittlich nur 9 Konsultationen innerhalb eines Jahres erfuhren 78% dieser chronischen, vorgängig therapieresistenten Schmerzpatienten eine Verbesserung der Beschwerden oder gar Beschwerdefreiheit. U.a. konnte der Bedarf an Schmerzmedikamenten signifikant reduziert werden und z.T. bereits geplante Operationen abgesagt werden.

Fischer L, Ludin SM, Thommen D, Hausammann R. Antrag auf Kostenübernahme durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung betreffend der Leistung Störfeld-Therapie (Neuraltherapie nach Huneke) an das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit. 2010.
Kommentar: Aufgrund dieser Arbeit wurde die lokale/segmentale Neuraltherapie 2011 definitiv in den Grundversicherungskatalog aufgenommen und als Schulmedizin anerkannt.

Pfister M, Fischer L. Die Behandlung des komplexen regionalen Schmerzsyndroms (CRPS) der oberen Extremität mit wiederholter Lokalanästhesie des Ganglion stellatum. Praxis 2009;98:247–57.
Kommentar: In dieser Arbeit werden neue Aspekte der neurogenen Entzündung diskutiert.

Mermod J, Fischer L, Staub L, Busato A. Patient satisfaction of primary care for musculoskeletal diseases: A comparison between Neural Therapy and conventional medicine. BMC 2008;8/33:1-10. Open access: http://www.biomedcentral.com/1472-6882/8/33
Anerkannt als Dissertation an der Universität Bern 2008. Institut für Evaluative Forschung in der Orthopädischen Chirurgie, Universität Bern (A. Busato) und IKOM, Dozentur Neuraltherapie, Universität Bern (L. Fischer).
Kommentar: Diese Studie mit 405 Patienten zeigt signifikant bessere Behandlungsresultate bei Patienten, welche mit Neuraltherapie behandelt wurden (gegenüber konventioneller Behandlung). In der Neuraltherapiegruppe mussten auch weniger Arbeitsunfähigkeiten verschrieben werden.

Bissig P, Schoeni-Affolter F, Fischer L, Busato A. Is Neural Therapy cheaper than conventional medicine? A comparison of cost structure in Swiss primary care providers – An observational study. Anerkannt als Dissertation an der Universität Bern 2008, in Publikation. Institut für Evaluative Forschung in der Orthopädischen Chirurgie, Universität Bern (A. Busato) und IKOM, Dozentur Neuraltherapie, Universität Bern (L. Fischer).
Kommentar: Verglichen wurden rein konventionell-medizinische Grundversorgerpraxen mit Grundversorgerpraxen, welche die Neuraltherapie integriert haben. Es wurden 4103 Patienten ausgewertet. Bei den totalen jährlichen Kosten fand sich keine Differenz (obwohl in der Neuraltherapiegruppe länger und schwerer kranke Patienten behandelt wurden), jedoch in der Kostenstruktur: Beispielsweise benötigten Neuraltherapiepatienten signifikant weniger Medikamente. In der Neuraltherapiegruppe mussten auch weniger Physiotherapien verschrieben werden, ebenfalls weniger Arbeitsunfähigkeiten. Auch die Laborkosten waren bei den neuraltherapeutisch tätigen Grundversorgern niedriger.

Fischer L, Pfister M. Wirksamkeit der Neuraltherapie bei überwiesenen Patienten mit therapieresistenten chronischen Schmerzen. Schweiz Zeitschr GanzheitsMedizin 2007;19/1:30-35.
Kommentar: Eingeschlossen in diese Pilotstudie waren alle von Ärzten schriftlich zugewiesenen Schmerzpatienten (n = 72) zur Neuraltherapie, welche im Durchschnitt sechs Jahre an der Schmerzkrankheit litten und therapieresistent auf alle konventionell-medizinischen Massnahmen (evidenz-basiert) waren. Zwei Dritteln der Patienten konnte sehr gut geholfen werden mit mehrmonatiger Beobachtungszeit. Im Durchschnitt waren lediglich 8.2 neuraltherapeutische Konsultationen insgesamt pro Patient notwendig. Bei mehr als der Hälfte der Patienten konnte der Schmerzmittelverbrauch langfristig gesenkt werden. Verschiedene bereits geplante Operationen (dokumentiert) konnten eingespart werden.

Dönges A, Fischer L, Marian F, Widmer M, Herren S, Busato A. Evaluation of Neural Therapy and comparison with conventional medicine: Structure, Process and Outcomes.
Anerkannt als Dissertation an der Universität Bern 2005, in Publikation.
Institut für Evaluative Forschung in der Orthopädischen Chirurgie, Universität Bern (A. Busato) und IKOM, Dozentur Neuraltherapie, Universität Bern (L. Fischer).
Kommentar: Verglichen wurden 191 Praxen mit konventioneller Medizin und 3263 Patienten versus 30 Praxen mit integrierter Neuraltherapie und 1127 Patienten. Outcomes: Bessere positive Behandlungseffekte in der Neuraltherapiegruppe und höhere Patientenzufriedenheit. Die neuraltherapeutisch behandelten Patienten benötigten signifikant weniger Medikamente. Ebenfalls signifikant geringere Arbeitsunfähigkeiten in der Neuraltherapiegruppe. Längere Warteliste in neuraltherapeutischen Praxen. Die Neuraltherapie wird in den meisten Fällen nicht additiv, sondern substitutiv angewendet.

Fischer L, Barop H, Maxion-Bergemann S. Health Technology Assessment Neuraltherapie nach Huneke (HTA) im Rahmen Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK) des Schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit. 2005.
Kommentar: Die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit, wird hier nachgewiesen und die Integration der lokalen und segmentalen Neuraltherapie (als diagnostische und therapeutische Lokalanästhesie) in die konventionelle Medizin aufgezeigt.

Als Anerkennung für seine klinische Forschung erhielt Prof. L. Fischer 2013 den Otto Bergsmann-Preis (7000 Euro; Oktober 2013, Wien); überreicht von der Österreichischen medizinischen Gesellschaft für Neuraltherapie und Regulationsforschung für den Vergleich einer für ein bestimmtes Krankheitsbild etablierten Methode mit Neuraltherapie sowie für die Grundlagenforschung. Der Preis wird alle drei Jahre vergeben.

 

Neuraltherapie – Grundversicherung

Aufgrund unserer Studien und Anträge an das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit BAG ergibt sich folgende Situation:

Die Neuraltherapie ist seit 2011 im Anhang 1 der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) unter dem Kapitel 2.3 „Neurologie inkl. Schmerztherapie und Anästhesie“ als definitiv leistungspflichtig verankert als «Infiltrationsanästhesie, lokal und regional (lokale und segmentale Neuraltherapie)».

Projekte und Dissertationen

Beteiligte Projekt
A. Dönges
L. Fischer
et al.
Aufarbeitung/Aktualisierung Vergleichsstudie (frühere Disseration Dönges, betreut von A. Busato und L. Fischer)
Ph. Bissig
L. Fischer
et al.
Aufarbeitung/Aktualisierung Kostenstudie (frühere Disseration Bissig, betreut von A. Busato und L. Fischer)
C. Lopes
L. Fischer
Ganglion-stellatum-Block bei Trigeminusneuralgie (Erweiterung zur Dissertation/Publikation)
C. Chevalier
L. Fischer
Ganglion-stellatum-Block bei Herzrythmusstörungen (Dissertation/Publikation)
C. Schwerdtel
L. Fischer 
Akute Pankreatitis - Rolle von Lokalanästhetika auf Rückkoppelung bei Schmerz und neurogener Entzündung (Masterarbeit mit Dissertation)
R. Engel
L. Fischer
et al.
Schmerzphysiologische Arbeit (Nichtübereinstimmung von anatomischem Segment und Schmerzsegment)
L. Fischer
et a.
Neurogene Entzündung, Autoimmunerkrankungen